Einführung Personenzentrierte Psychotherapie

(diese Einführung ist eine überarbeite Version aus: Hutterer, Robert (1990). Personenzentrierte Psychotherapie. In: Du. Fachzeitschrift für die Arbeit in Hort und Heim 4/90 S. 7-9)

Am 11. Dezember 1940 wurde an der Universität Minnesota ein Vortrag mit dem Titel "Neuere Konzepte in der Psychotherapie" gehalten. Der Referent war damals Carl Rogers, der seine Erkenntnisse und Auffassungen über Psychotherapie, die sich auf Grund einer mehrjährigen praktischen Erfahrung gebildet hatten, präsentierte. Die Zuhörer reagierten auf seine Aussagen unterschiedlich: teils verwirrt, teils kritisch-ablehnend bis enthusiastisch-zustimmend. Die Aussagen, die so unterschiedliche und widersprüchliche Reaktionen hervorriefen, waren für die damalige Zeit provokant und sind es zum Teil heute noch: Rogers betonte, daß das Ziel einer Psychotherapie oder Beratung nicht darin liegt, für den Klienten bestimmte, ihn belastende Probleme zu lösen, sondern dem Klienten bei der Entwicklung seiner Persönlichkeit beizustehen. Inzwischen sind mehr als fünfzig Jahre vergangen und diese ersten und noch unfertigen Gedanken von Rogers haben sich zu einem umfassenden psychotherapeutischen und pädagogischen Konzept entwickelt. Es hat unter der Bezeichnung "personenzentrierter" bzw. "klientenzentrierter" Ansatz neben psychoanalytischen und verhaltenstherapeutischen Ansätzen seinen Platz gefunden. In diesem kurzen Beitrag sollen einige Grundlagen des "Personenzentrierten Ansatzes", die für Psychotherapie, Beratung und Erziehung relevant sind, präsentiert werden, um dem Leser eine erste Anregung für seine Auseinandersetzung damit zu bieten.

Experten, Besserwisser und Ratschläge

Es gibt ein Merkmal des personenzentrierten Ansatzes, das oftmals als provokant empfunden wird: seine durchgehende Skepsis gegenüber einem falsch verstandenen Expertentum in Psychotherapie und Beratung. Was heisst das ? Die Situation, in der sich eine Person befindet, die seelische Belastungen hat (Klientin/klient), ist oft folgende: sie steht unter Druck, hat belastende Problemen,  inneren Konflikten und verwirrende Gefühle. Vieles ist für sie undurchschaubar. In diesem Zustand vertraut sie sich einem "Fachmann" (Experte) an. Sie hofft, einen Ausweg zu finden, eine Linderung ihrer seelischen Leiden. Eine gängige Vorstellung ist nun die folgende: der Berater wird aufgrund seines Fachwissens aktiv. Er diagnostiziert, ordnet ein, interpretiert die sehr persönlichen und intimen Aussagen des Klienten. Er identifiziert das Problem und macht Vorschläge bzw. gibt Ratschläge: Er sagt dem/der Klienten/in, was sie/er tun sollte und wie sie/er die Dinge betrachten sollte. Als Experte muss er es ja wissen. In dieser Vorstellung von Beratung und Psychotherapie befindet sich der Psychotherapeut oder Berater in einer übergeordneten Position: er kann "legitimerweise" sein Wissen anwenden, um das Leben oder die Psyche des Klienten "in Ordnung zu bringen", Ratschläge zu geben und Lösungsorschläge anzubieten. Der Klient ist dabei in einer untergeordneten Position, denn der Therapeut ist jener, der sich für kompetent hält, für den Klienten Lösungskonzepte zu entwerfen und die Situation "richtig" zu beurteilen.

Rogers betrachtete diese Art von Expertentum im Bereich von Psychotherapie und Beratung als nicht zielführend und wies auf folgende Nachteile hin:

  • Ersten würde der Klient in der Regel die Ratschläge und Direktiven des Therapeuten nicht annehmen, um seine Integrität zu wahren; bzw manche dieser Vorschläge beim besten Willen nicht in die Praxis umsetzen können.
  • Zweitens würden jene Klienten, die zu Abhängigkeiten neigen, noch tiefer in diese Abhängigkeit geraten.

Der personenzentrierten Ansatz jedoch legt großen Wert auf die eigenständige Entwicklung des Klienten, dessen psychische Funktionsfähigkeit im Verlauf einer Therapie durch die Entwicklung seiner eigenen Ressourcen wiederhergestellt werden soll. Rogers betonte deshalb anfangs eine "nicht-direktive" Vorgangsweise, die die Eigenständigkeit des Klienten nicht einschränkt. Warum ?  Viele Klienten, die in einer Therapie Hilfe suchen, waren in wichtigen Phasen ihres Lebens von Menschen umgeben, die mehr oder weniger versteckt, aber oft in einer erschreckenden Unangemessenheit, sich zu Experten für das Leben anderer erhoben haben. Diese "Experten" haben durch Manipulation, autoritärer Besserwisserei oder unter Ausnutzung von Vertrauensverhältnissen andere Menschen in wichtigen Entwicklungsphasen bzw. in kritischen Phasen ihres Lebens mit Lösungskonzepten, Ratschlägen und Werten "versorgt", ohne deren individuelle Situation zu verstehen und zu berücksichtigen. Das Ergebnis so einer fortwährenden Behinderung eigenständiger Entwicklung sind Klienten, die tief verzweifelt sind über ihre Unfähigkeit, ein eigenständiges Leben zu führen oder - im zynischen Extremfall - über ihre Unfähigkeit, die Erwartungen anderer (Eltern, Kollegen, Freunde) zu erfüllen. Sie haben allmählich ein Selbstverständnis entwickelt, das ihnen ständig ihre Wertlosigkeit und Unfähigkeit als eigenständige Person vor Augen führt.

Gespräche für die Selbstentwicklung

Das Verständnis dieser destruktiven Sozialisation und die Konsequenzen für die Einzelperson im ihrem Lebensvollzug ist ein Kernpunkt des Personenzentrierten Ansatzes: Das Kind, dessen Aktivitäten, Äußerungen und spontanen Leistungen von seiner Umgebung abgewertet werden, um statt dessen durch Zwang, Manipulation oder gutgemeinte Ratschläge andere, "bessere" Leistungen bei ihm zu erreichen, versteht sich allmählich selbst als jemand, der wertlos ist, nicht akzeptierbar und unfähig, ohne fremde Anweisung, Korrektur und Kontrolle das für es "Richtige" zu tun. Das Kind, das in seiner Auseinandersetzung mit der Umwelt vorerst wirklich abhängig und auf wichtige Bezugspersonen angewiesen ist und auch "unfähig" ist (im dem Sinn, daß es viele Fähigkeit noch nicht besitzt, sondern erst entwickeln muß), entwickelt durch die Macht abwertender und manipulativer Beziehungserfahrungen ein Selbstbild, durch dessen Brille es sich auch späterhin als abhängig und wertlos erlebt. Und das trotz gegenteiliger Erfahrungen: denn jeder Lernprozess benötigt ein Ausmaß an spontanen, eigenständigen Aktivitäten, die als wertvoll erlebt werden müssen, soll er überhaupt erfolgreich sein; und keine manipulative und abwertende Sozialisationsumgebung ist so lückenlos konsequent, daß nicht minimale Freiräume für spontane Aktivitäten mit Eigenwert bestehen. Aber diese positiven Erfahrungen mit der eigenen Person dürfen nicht ausgedrückt und mitgeteilt werden. Sie haben wenig Chancen in das Selbstbild integriert zu werden. Verschlimmert wird diese Situation noch dadurch, daß ein negative Selbstbildes (so wie auch ein positives) die Tendenz aufweist, sich selbst zu verstärken: Wenn wir uns als unfähig, wertlos und unakzeptabel betrachten, ist es sehr wahrscheinlich, daß wir derart handeln, daß dieses Bild bekräftigt wird. Die Chancen, Selbstachtung und ein positives Selbstbild zu entwickeln, werden in diesem destruktiven Kreislauf immer geringer.

Die Personenzentrierte Psychotherapie versucht diesem Kreislauf zu durchbrechen: Durch ein Beziehungsangebot des Therapeuten, das durch Echtheit, Empathie (Einfühlung) und Achtung gekennzeichnet ist, kommt der Klient allmählich in die Lage, die verleugneten, verborgenen und schwer zugänglichen Aspekte seiner Erfahrungen und Gefühle wiederzuerleben, auszudrücken und in sein Selbstbild zu integrieren. Echtheit (Kongruenz, Authentizität) ist jene Fähigkeit des Therapeuten, die die Beziehung zum Klienten auf eine realistische Basis stellt und diesem ermöglicht, seine Erfahrungen und Gefühle mit wachsender Offenheit auszudrücken. Das Einfühlungsvermögen des Therapeuten hilft dem Klienten, seine unterdrückten, diffusen und verwirrenden Erfahrungen wahrzunehmen und zu differenzieren. Die Wertschätzung des Therapeuten schafft ein beurteilungsarmes Klima, in dem der Klient abgelehnte Erfahrungen und Gefühle bei gleichzeitigem Gewinn an Selbstachtung in sein Selbstbild integrieren kann.

Der folgende kurze Ausschnitt aus einer Therapie mit einer ca. 40jährigen Frau zeigt, wie sie im Gespräch verleugnete negative Gefühle gegenüber ihrem Sohn erkennen konnte:

Klientin: Ja, ich mime dann irgenwie nur eine gute Mutter (Th:Mmhh) und in Wahrheit ist er mir unsympathisch, ich find ihn einfach unsympathisch. Das passiert überhaupt oft ... ich kann zu ihm nicht lieb sein und wenn er zu mir schmusen kommt, dann fallt er mich irgendwie an und so, er merkt überhaupt nicht ab, ob das im Augenblick für mich angebracht ist oder nicht. Zum Beispiel, ich komme bei der Tür herein total abgehetzt und er hängt sich noch drauf und (Th:Mmhh) schmuse hin und schmuse her und da sag ich: Laß mich wenigstens die Sachen abstellen, und hoffe aber innerlich, daß er eh zwei Sekunden später schon was anderes macht (Th:Mmhh) also ich ..

Therapeut:  Daß du ihn damit abwimmeln kannst.

Klientin: Ja, richtig, ich will überhaupt nicht mit ihm schmusen, und es stellt sich im nachhinein zu neunzig Prozent heraus, daß er ja was anderes will.

Therapeut: Du spürst: Ich bin schon so mißtrauisch, ja das Schmusen, das setzt er auch wieder ein, vielleicht will er was von mir und das ist nicht ehrlich von ihm.

Klientin: Ja ..... und wenn ich das jetzt so erzähle, dann denk ich mir, das kann ich überhaupt zum ersten Mal formulieren, weil ich ja so ein schlechtes Gewissen hab, daß ich meinen Sohn nicht bedingungslos liebe (Th:Ja), aber ich lieb' ihn wirklich nicht.

Therapeut: Das hat dich belastet, daß du das mit dir herumtragen hast müssen.

Ausbildung

Die Grundhaltung des Therapeuten, die in diesem Gesprächsausschnitt zum Ausdruck kommt, spiegelt keine übermenschlichen Fähigkeiten wider. Echtheit, Empathie und Achtung sind Fähigkeiten, die die meisten Menschen spontan in ihrem alltäglichen zwischenmenschlichen Beziehungen zeigen. Allerdings bedarf es einer mehrjährigen, intensiven Ausbildung und ausreichenden praktischen Erfahrungen, um personenzentrierte Haltungen beständig und mit hohem Niveau in einem therapeutischen Setting verwirklichen zu können. Die therapeutischen Prinzipien und Einstellungen (Authentizität, Empathie und Akzeptierung) der Personenzentrierten Therapie sind inzwischen allgemein anerkannt. Sie werden auch von anderen Therapierichtungen betont und proklamiert. Auch manche Vorurteile haben sich  entwickelt: diese therapeutischen Eisntellungen der Personenzentrierten Therapie seien selbstverständlich und leicht erlernbar.

Bezüglich der Erlernbarkeit, Verbreitung und Attraktivität der Personenzentrierten Psychotherapie in psychosozialen und pädagogischen Berufsfeldern trifft vielleicht aber jene Aussage zu, die auch über die englische Sprache gemacht wird: die englische Sprache - so heißt es - ist deshalb so weit verbreitet und wird von vielen gelernt, weil man sie so schnell schlecht sprechen kann. Genauso wird eine Ausbildung für Personenzentrierte Psychotherapie oft begonnen, weil angenommen wird, daß sie "leicht" sei. Das hat den Vorteil, daß der Personenzentrierte Ansatz bei Psychologen, Sozialarbeiter etc. zum  Allgemeingut gehört und viele  personenzentrierte Haltungen zumindestens in einem gewissen Ausmaß entwickelt haben. Der Nachteil liegt allerdings darin, daß es genauso viele gibt, die sich mit einem bescheidenen Niveau ihrer Kompetenz zufrieden geben.