Propädeutikum
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Ausschnitt aus einem realen Therapiegespräch

(Das folgende Transkript ist ein Ausschnitt aus einem realen Therapiegespräch)
 
Klientin: Ich habe mir gedacht, ich möchte total gern einmal über meine Sohn reden (Th: Ja), weil ich so ein ambivalentes Verhältnis zu dieser Person hab, das ist ein Wahnsinn (Th: Mmhh). Er ist jetzt elf und .. ah, der Günther und ich, wir haben uns getrennt, wie er ungefähr zwei Jahre alt war (Th: Ja) und ich hab mir das Kind damals irrsinnig gewünscht und der Günther hat das immer sehr abgelehnt, daß ich noch einmal ein Kind krieg und wäre sehr für Abtreibung gewesen, ich hab\'s trotzdem gekriegt und irgendwie ich.. ich ich wollt wirklich gern noch einmal ein Kind haben, aber jetzt immer wenn wieder die Diskussion aufflammt, ob er es nimmt oder ob\'s ich nehm - und die flammt sehr oft auf - dann denkt ich mir, es geht mir gar nicht mehr darum, daß ich ihn behalten will, sondern es geht wirklich nur noch um den Machtkampf zwischen dem Günther und mir (Th: Mmhh). Und mir geht er so oft am Wecker, daß ich ihn am liebsten .. ich weiß nicht was ... eben, es ist, ich hab mir immer gedacht, daß ein Kind mir ähnlich sein müßt (Th: Mmhh) und daß ist er einfach überhaupt nicht und er ist .... also ich tue mir total schwer ihn zu verstehen, es ist .. wenn ich mit meiner Tochter rede, so ist es wie wenn ich mit mir selber red, sie ist mir so ähnlich (Th:Mmhh), aber bei ihm kann ich einfach ... ja ..

Therapeut: Bei deinem Sohn merkst du, daß er dir eher fremd ist ?

Klientin: Ja, er ist mir fremd, genau das ist es wirklich, in seiner ganzen Reaktion und in seinem Denkgebäude, da ist nix, was mir ähnlich ist (Th: Mmhh) und auch da ist so vieles, was ich nicht will (Th: Mmhh), was mir halt nicht gefallt.

Therapeut: Das ist, was du auch ablehnst ?

Klientin: Ja, .. z. B. seine unglaubliche Berechnung, ich mein .. ich verstehe es schon gut, er ist irgendwie ein Produkt seiner geschiedenen Eltern (Th: Mmhh), es ist so, was er von mir nicht kriegt, das kriegt er natürlich vom Günther- (Th: Mmhh) und der Günther verwöhnt ihn wahnsinnig, was das Finanzielle betrifft, da kommt er schon gar nimmer zu mir, aber andererseits ärgert er sich maßlos, wenn ich mir etwas für mich kauf z.B: (Th: Mmhh), also letzte Woche hab ich mir ein Paar Schuhe im Ausverkauf gekauft und die hab ich in meinem Zimmer stehen gehabt und wie er schon hereingekommen ist und diese,diese Reihe da zu begutachten, da ist mir schon klar geworden, oje jetzt gibt\'s wieder ein Theater, weil er keine gekriegt hat, obwohl er .. eh sehr viel kriegt, ja das ärgert mich maßlos irgendwie ...... ich hab so den Eindruck, daß man ihn, daß man sich seine Liebe nur kaufen kann.

Therapeut: Mmhh .. also wenn man möchte, daß er einen gern hat, dann muß man schon etwas hergeben dafür.

Klientin: Ja, ..... und es ... daß ist einmal eines, daß mich wahnsinnig giftet und dann das andere glaub ich ist wirklich wieder einmal sehr hochstilisiert durch meinen Konflikt mit meinem Exgatten, weil  (Th: Mmhh)  er hat es sich nun zur lieben Gewohnheit gemacht, um sieben Uhr in der Früh anzurufen und zu schauen, ob mein Sohn eh schon auf ist und halt alles in Ordnung ist und mich ärgert das wahnsinnig, weil ich muß ja nicht aufstehen und er erfahrt dadurch von ihm, daß ich für ihn selten aufsteh\' in der Früh (Th: Mmhh) und macht mir irre Vorwürfe, daß ich mich nicht um ihn kümmere und abgesehen davon, daß ich häufig den Hörer auftusch, merk ich aber auch, daß ich ein schlechtes Gewissen aufreiß\', daß ich mir jetzt selber auch schon einred\', ja ich müßte mich halt irgendwie wirklich mehr mit ihm beschäftigen und (Th: Mmhh) und vielleicht ist er wirklich zuviel allein ... und.

Therapeut: Daß du eigentlich .. stimmt es, daß du nicht genau weißt, ah.. ist das schlechte Gewissen berechtigt oder nicht (Kl:Mmhh), ist es nur  dein Mann, der es dir macht (Kl:Mmhh), das schlechte Gewissen.

Klientin: Na ich denk mir, es ist mir auch schon öfters die Idee gekommen, daß er viel allein ist (Th: Mmhh), es ist nur so, daß er es ja gerne ist, er holt sich ein paar Freunde herauf und sie haben sowieso ein feines Leben und irgendwann einmal, wie ich dann vor lauter schlechtem Gewissen meine Tante gebeten hab, er soll bei ihm bleiben, da hab ich dann aus der Schule angerufen und da hab ich mir gedacht, daß muß ja jetzt super sein, da war er total angebissen, daß ich ihm die Tante ins Haus gesetzt hab,  er sagte, ich wollt allein sein, ich wollt fernsehen, ich wollt das und jenes machen, da kann ich nicht die Tante brauchen.

Therapeut: Die Tante wollte er nicht und du wunderst dich drüber und irgendwie denkts du ich kenn mich nicht so richtig aus, was will er denn jetzt will er allein sein oder ist er zuviel allein.

Klientin: Ja, ich denk mir, ich tät nur wünschen, daß das stimmt, daß er gern allein ist (Th: Mmhh) und da ..

Therapeut: Das wäre eine Erleichterung für dich ..

Klientin: Ja, das wäre eine Erleichterung für mich, weil dann hätt ich mir mein schlechtes Gewissen irgendwie nicht mehr länger (Th: Ja) gegeben und ich merk auch, daß es mich so zornig macht, weil ich mich so eingesperrt fühl (Th: Mmhh), ich hab 3 Abende schon einmal beruflich total verbaut, dann möcht ich mich auch zwischendurch ganz gern einmal mit meinem Freund treffen, es sind ja nicht nur drei Abende jetzt (Th: Mmhh), das heißt ich geh zwischendurch dann eben auch noch weg und wenn er dann sagt, wann kommst denn, die Bemerkung allein genügt schon, um mich angefressen zu machen, da hab ich so das Gefühl, bitte hör auf  mich zu kontrollieren und (Th: Mmhh) du bist alt genug und Himmelfix laß mich in Kraut ...

Therapeut: Also, das stört dich ungemein, wenn dein Sohn ah .. gern hätte, daß du einen weiteren Abend zuhause bist, bei ihm zuhause bleibst.

Klientin: Es stört mich daß er ... ich fühl mich so kontrolliert von ihm (Th: Mmhh), weil es ist ja im Prinzip völlig wurscht, ob ich da bin oder nicht (Th: Mmhh), er ist eh mit seinen Dingen beschäftigt und es sind immer irgendwelche Freunde oben (Th: Mmhh) und wir machen auch trotzden viel zusammen, z.B. einen Abend in der Woche spielen wir zusammen Schach, gehen ins Theater und ich mach sehr viel Medidationen und so, da macht er immer mit, da sind ein paar Freundinnen von mir da und so, also es ist schon .. oder wir kochen miteinander (Th: Mmhh), wir machen eh Sachen miteinander und wenn ich dann über jemanden dann zusätzlich zu dem, was ich eh freiwillig zu geben bereit bin einsperren will (Th: Mmhh), dann dann dreh ich völlig durch, obwohl ich auf der anderen Seite weiß, er ist einfach ein Kind.

Therapeut: Mmhh also das Gefühl, ich werd da eingesperrt, ich ich werd da kontrolliert, ist im Vordergrund, auch wenn du denkst, naja da ist halt ein Kind ..(Kl:Ja ) vielleicht braucht er das oder vielleicht könnte man ihm das geben (Kl:Ja ).

Klientin: Ich denk mir er nimmt ja eh auf mich auch keine Rücksicht (Th: Mmhh) und ich will eigentlich auch nicht, daß er sie nimmt,  mich erleichtert\'s, wenn ich seh, daß er keine nimmt (Th: Mmhh) ... so ich denk mir also wurscht, ob ich grad da bin oder nicht, er geht zu seinen Freunden, oder er macht sich mit dem Günther was aus oder so .... aber ich denk mir eben, es hat wirklich unglaublich viel damit zu tun, daß mir mein Exgatte immer noch, das total schlechte Gewissen machen kann (Th: Mmhh) und ich hab letztens einmal in einem Anfall gesagt, du hast überhaupt keinen Anspruch auf eine perfekte Mutter deiner Kinder, schreib dir das einmal hinter\'m Spiegel, ehrlich, ich bin genauso gut, wie ich halt grad bin, und wenn dir das nicht paßt, dann kümmer dich du mehr, aber auch wenn ich es ihm gegenüber so sagen kann, bleibt mir immer noch dieser ..

Therapeut: Es bleibt auf dir sitzen ..

Klientin: .. ja es bleibt mir irgendwie trotzdem. Ich weise es offizielle zurück und inoffiziell nehm ich es an diese Kritik (Th: Ja) und die.. das ist irgendwie jetzt schon ein Dauerkrieg zwischen uns. Wir sind seit 1983 geschieden (Th: Mmhh) und seit 81 leben wir getrennt und irgendwie ist  .. es schaukelt sich immer so hoch, irgendwann einmal kommt dann total der Angriff auf mich, daß ich mich kümmer um meine Kinder, z.B. wohnt meine Tochter allein, das hat ihn also maßlos geärgert, d. h. sie wohnt in einer WG, daß ich das befürwortet hab, daß sie so früh auszieht, das war einfach .. das hat nicht was zu tun gehabt, daß sie sich wirklich abnabeln muß, weil wir eh so eine komische Beziehung hatten, sondern in seinen Augen war das schlicht und einfach Vernachlässigung (Th: Mmhh) und ich kümmere mich nicht um das Kind und überhaupt schlechte Mutter und blöder Lebenswandel, das sieht man ja, schau dir deine Freunde an alles ...

Therapeut: Da mußt du dann seine Vorwürfe hinnehmen ... Aber ist es so, daß dieses schlechte Gewissen ah .. daß du gar keine Grundlage hast zu entscheiden, ob es .. was macht mir mein Ex-Gatte und was .. was mach ich mir selber, was ist berechtigt, was ist unberechtigt.

Klientin:  Ja das stimmt schon und ich ..

Therapeut:  .. du kennst dich da nicht aus ..

Klientin: .. ich kenn mich nicht aus und ich entscheid\'s auch jeden Tag anders (Th: Ja), wenn\'s mir grad gut geht, dann denk ich mir, geh sei nicht so teppert, aber es gibt eben viele .. viele Tage, wo ich dann mit meinem schlechten Gewissen sitzenbleibe (Th: Ja) und .. ja und dann auch wirklich nicht genieße, wenn ich am Abend dann länger weggehe z.B. weil ich mir oft denke, warum bin ich eigentlich heut weggegangen.

Therapeut: Da nagen dann die Schuldgefühle (Th: Mmhh) ... und verderben dir den Abend.

Klientin: Ja, und wenn ich aber daheim bleiben tät, dann verdirb ich meinem Sohn den Abend, weil ich  mich ärger (Th: Mmhh) ..... das ist, das hängt natürlich schon sehr zusammen mit seinen Reaktionen, weil das ist eben auch etwas, wo ich mir denk, er ist mir unsympathisch, daß er, er hat das ganz genau heraußen, weil er mich erpressen kann (Th: Mmhh), also auch wenn er den ganzen Tag quietschfidel und super-vergnügt ist und  alles, aber in dem Augenblick, in dem ich was machen will, hat er Bauchweh oder furchtbare Kopfschmerzen oder ist sonst irgendwie leidend (Th: Mmhh) und ..

Therapeut: Er erpreßt dich mit diesen Symptomen. (Kl: Ja) Er hat das gar nicht wirklich oder ..

Klientin: Irgendwie zieht er es aus dem Hut, wenn er es braucht (Th: Ja), weil wenn du ihr im selben Augenblick vorschlagst, daß wir jetzt zum McDonalds gehen (Th: Mmhh), ist er auf der Stelle gesund.

Therapeut: Irgendwie traust du dieser Sache nicht, daß er da Schmerzen vorgibt.

Klientin: Ich glaub ihm nicht und es macht .. ich unterdrücke unheimlich viel Ärger, weil in dem Augenblick kann ich natürlich ... tue ich es nicht, daß ich ihm das sag, daß ich ihm nicht glaub (Th: Ja), also ich bemitleide ihn schon und ich kümmer mich dann schon  um ihn, das erreicht er schon, aber ich tue es mit einem ungeheuren Widerwillen ..

Therapeut: Du zwingst dich dann dazu.

Klientin: Ja, weil man sich als Mutter doch kümmern muß (Th: Ja) irgendwie wirklich nur aus Pflichtgefühl.

Therapeut: Im Innern denkst du eigentlich, jetzt erpreßt er mich wieder.

Klientin: Ja .... ich denk mir, das hab ich einfach oft genug an ihm beobachtet, daß Kopfschmerzen dann auftreten, wenn er nicht irgendwas kriegt, was er will (Th: Mmhh) .. ja ich denk mir, er wird schon wirklich ... (nachdenklich) .. vielleicht geht\'s ihm vielleicht körperlich grad nicht besonders gut, aber es ist so ein deutlicher Zusammenhang für mich  (Th: Mmhh) mit der Aktion, die er vorhat.

Therapeut: Irgendwie scheinst du zu sagen, daß ist unfair mit so Mitteln zu arbeiten.

Klientin: .. Ja, ja, sicherlich ...

Therapeut: .. und du kannst dann nicht unbefangen an ihn herangehen, wenn du das weißt.

Klientin: Ja, ich mime dann irgendwie nur eine gute Mutter (Th: Mmhh) und in Wahrheit ist er mir unsympathisch, ich find ihn einfach unsympathisch. Das passiert überhaupt oft, z.B. schmus ich mit meiner Tochter irrsinnig viel herum, aber .. aber ich kann mit ihm nicht schmusen und wenn er zu mir schmusen kommt, dann fallt er mich irgendwie an und so, er checkt überhaupt nicht ab, ob das im Augenblick für mich angebracht ist oder nicht als Beispiel ich komme bei der Tür herein mit siebzehn Paketen und total abgehetzt und er hängt sich noch drauf und (Th: Mmhh) schmuse hin und schmuse her und sag ich: Schatzilein, laß mich wenigstens die Sachen abstellen, und hoffe innerlich, daß er eh zwei Sekunden später schon was anderes macht (Th: Mmhh) also ich ..

Therapeut:  Daß du ihn damit abwimmeln kannst.

Klientin: Ja, richtig, ich will überhaupt nicht mit ihm schmusen, und es stellt sich im nachhinein zu neunzig Prozent heraus, daß er was will.

Therapeut: daß du spürst, Ich bin schon so mißtrauisch,  … ja das Schmusen, das setzt er auch wieder ein, vielleicht will er was von mir und das ist nicht ehrlich von ihm.

Klientin: Ja ..... und wenn ich das jetzt so erzähle, dann denk ich mir, das kann ich überhaupt zum ersten Mal formulieren, weil ich ja so ein schlechtes Gewissen hab, daß ich meinen Sohn nicht bedingungslos liebe (Th: Ja), aber ich lieb' ihn wirklich nicht.