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Psychotherapie nach C. R. Rogers

 

Gründer und Bezeichnung

Die Personenzentrierte Psychotherapie ist eng mit dem Namen Carl Ransom Rogers (1902 - 1987) verbunden. Nach dem Studium der Agrarwissenschaften, Theologie und Klinische Psychologie und Professur an verschiedenen amerikanischen Universitäten, ab 1964  Center for Studies for the Person (La Jolla/Kalifornien), Engagement in Gruppenarbeit, Friedensarbeit und der Förderung interkultureller Kommunikation. Durch Reinhard und Annemarie Tausch ist die "Rogerianische Therapie" ab 1960 unter dem Namen "klient(en)zentrierte Gesprächs(psycho)therapie" auch im deutschen Sprachraum bekannt geworden. Heute wird auch der Begriff "person(en)zentrierte Psychotherapie"  verwendet. 

Entwicklung und Verbreitung

Ursprünglich wurde die Personenzentrierte Psychotherapie aus der Beratung psychoneurotischer Personen entwickelt und erst später kam es zu einer Anwendung auf andere Klientengruppen (etwa hospitalisierte Schizophrene und sogenannte "Normale", die therapeutische beziehungsweise quasitherapeutische Situation aus Motiven der Selbstfindung und Persönlichkeitsentwicklung aufsuchten). Ebenso kam es zu einer verstärkten Anwendung des personenzentrierten Ansatzes in der Prävention psychischer Krankheiten und zu einem Experimentieren  in unterschiedlichen sozialen Settings (z.B. Erziehungs- und Unterrichtssituationen).

Die Übersetzung der Schriften von C. Rogers in mehrere Sprachen zeigt die weite Verbreitung seiner Konzepte. Die Weiterentwicklung der psychotherapeutischen Methode findet bseonders im deutschen Sprachraum, in Belgien, Holland, England und den USA statt.

Therapeutische Methode

Die therapeutische Methode berücksichtig folgende Momente:

  • Kontakt/Beziehung zwischen Therapeut und Klient.
  • Inkongruenz, Verletzlichkeit des Klienten (Leidensdruck)
  • Kongruenz, Authentizität (Echtheit, Selbstübereinstimmung) des Therapeuten in der therapeutischen Beziehung.
  • Nicht an Bedingungen gebundene positive Wertschätzung des Therapeuten (Achtung/Respekt)
  • Empathisches Verstehen des inneren Bezugsrahmens des Klienten durch den Therapeuten (einfühlendes Verstehen).
  • Offenheit des Klienten für therapeutisches Angebot (Ansprechbarkeit)

Forschung und Indikation

Personenzentrierte Psychotherapie ist als psychotherapeutische Methode bei einer Vielzahl von Störungen und Leidenszuständen anwendbar ist. Die Indikationsbreite umfasst in der Praxis weite diagnostische Bereiche. Die Anwendbarkeit der Personenzentrierten Psychotherapie ergibt sich aus folgenden Grundlagen:

  1. Die breite Anwendbarkeit und effektive Anwendung der Personenzentrierten Psychotherapie ist durch wissenschaftliche Forschung fundiert. Forschungsbefunde und Erfahrungen liegen u.a. bezüglich der Behandlung folgender Störungen bzw. Klienten-und Patientengruppen vor: neurotisch-depressive, phobische und hysterische Patienten, schizophrene Patienten und Patienten mit Borderline-Störungen, Sucht- und Zwangskrankheiten, Psychosomatosen, Persönlichkeitsstörungen, Eßstörungen, Störungen des Kindes- und Jugendalters. Darüberhinaus haben sich personenzentrierte Behandlungsformen in Ergänzung zur medizinischen Behandlung als günstig erwiesen (z.B. in der pre- und post-operativen psychotherapeutischen Betreuung von Patienten mit Herzoperationen)
  2. Die Behandlungsprinzipien und die Behandlungstechnik der Personenzentrierten Psychotherapie ermöglichen eine optimale Individualiserung des Behandlungsangebotes: Je nachdem welche Symptome ein/e Klient/in aufweist  und welche Voraussetzungen sie/er mitbringt. Die Personenzentrierte Psychotherapie wird deshalb auch als "Breitbandverfahren mit differentieller Wirksamkeit" bezeichnet.
  3. Die optimale Passung und Individualisierung des Behandlungsangebotes -und damit die Verbesserung der Prognose - betrifft auch die Behandlungsfrequenz und -dauer. Abhängig von bestimmten Vorraussetzungen des Klienten wie Schwere und Dauer der Störung, Ansprechbarkeit auf das Behandlungsangebot und Behandlungsmotivation können sich flexible Behandlungspläne ergeben,  die sich über mehrere Jahre und einige hundert Stunden erstrecken, mit einer Frequenz von ca. 2-3 Sitzung pro Woche. Ebenso zeigten Untersuchungen, daß Klienten nach 8-20 Sitzungen deutliche Verbesserungen aufwiesen, sodaß die Personenzentrierte Psychotherapie unter bestimmten Bedingungen auch als Kurzpsychotherapie wirksam ist.
  4. Die Personenzentrierte Psychotherapie wird als Einzel-, Gruppen-, Ehe-, Kinder- und Familientherapie angewandt. Sie kann dadurch zusätzlich eine Vielfalt von settingspezifischen Behandlungsfaktoren integrieren und produktiv nutzen.

Kurzes Gesprächsbeispiel

Klientin: Ja, ich mime dann irgenwie nur eine gute Mutter (Th:Mmhh) und in Wahrheit ist er mir unsympathisch, ich find ihn einfach unsympathisch. Das passiert überhaupt oft ... ich kann zu ihm nicht lieb sein und wenn er zu mir schmusen kommt, dann fallt er mich irgendwie an und so, er merkt überhaupt nicht ab, ob das im Augenblick für mich angebracht ist oder nicht. Zum Beispiel, ich komme bei der Tür herein total abgehetzt und er hängt sich noch drauf und (Th:Mmhh) schmuse hin und schmuse her und da sag ich: Laß mich wenigstens die Sachen abstellen, und hoffe aber innerlich, daß er eh zwei Sekunden später schon was anderes macht (Th:Mmhh) also ich.

Therapeut:  Daß Sie ihn damit abwimmeln können.

Klientin: Ja, richtig, ich will überhaupt nicht mit ihm schmusen, und es stellt sich im nachhinein zu neunzig Prozent heraus, daß er ja was anderes will.

Therapeut: Sie spüren: Ich bin schon so mißtrauisch, ja das Schmusen, das setzt er auch wieder ein, vielleicht will er was von mir und das ist nicht ehrlich von ihm.

Klientin: Ja ..... und wenn ich das jetzt so erzähle, dann denk ich mir, das kann ich überhaupt zum ersten Mal formulieren, weil ich ja so ein schlechtes Gewissen hab, daß ich meinen Sohn nicht bedingungslos liebe (Th:Ja), aber ich lieb' ihn wirklich nicht. 

Therapeut: Das hat Sie belastet, daß Sie das so lange mit sich herumtragen haben müssen.

Literatur

Rogers, C. R. (1972). Die klient-bezogene Gesprächstherapie. München: Kindler. (original 1951).

Rogers, C. R. (1987). Eine Theorie der Psychotherapie, der Persönlichkeit und der zwischenmenschlichen Beziehungen. Entwickelt im Rahmen des klientenzentrierten Ansatzes. Köln: GwG - Verlag (orig. 1959).

Rogers, C. R. (1978). Die Kraft des Guten. München: Kindler (orig. 1977).

Rogers, C. R. (1973). Die Entwicklung der Persönlichkeit. Stuttgart: Klett-Cotta (orig. 1961)

Hutterer, R. (1991). Personenzentrierte Psychotherapie. In: Stumm/Wirth (Hrsg.): Psychotherapie, Schulen und Methoden. Falter, Wien

Stipsits, R:/ Hutterer, R.(1992) Perspektiven Rogerianischer Psychotherapie, Wiener Universitäts Verlag.